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 Kampusch, Natascha: 3096 Tage

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Ramones
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Ort : in Niederbayern

BeitragThema: Kampusch, Natascha: 3096 Tage   Mi Jun 29, 2011 8:19 pm

Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: List (8. September 2010)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 9783471350409
ISBN-13: 978-3471350409

Klappentext
Zitat :
"Ich fühle mich nun stark genug, die ganze Geschichte meiner Entführung zu erzählen." Natascha Kampusch

Natascha Kampusch erlitt das schrecklichste Schicksal, das einem Kind zustoßen kann: Am 2. März 1998 wurde sie im Alter von zehn Jahren auf dem Schulweg entführt. Ihr Peiniger, der Nachrichtentechniker Wolfgang Priklopil, hielt sie in einem Kellerverlies gefangen - 3096 Tage lang.
Am 23. August 2006 gelang ihr aus eigener Kraft die Flucht. Priklopil nahm sich noch am selben Tag das Leben.

Jetzt spricht Natascha Kampusch zum ersten Mal offen über die Entführung, die Zeit der Gefangenschaft, ihre Beziehung zum Täter und darüber, wie es ihr gelang, der Hölle zu entkommen.
Quelle: Buchrücken

Eigene Meinung
Es gibt wohl kaum jemanden, dem der Name Natascha Kampusch nichts sagt. Das Bild über ihr plötzliches Auftauchen, acht Jahre nach der Entführung, ging um die Welt. Ich muss ehrlich gestehen, dass ich das Ganze irgendwie für eine Inszenierung hielt, jemand, der sich in den Medien wichtigmachen will. Da steht eine junge, hübsche Frau, die vielleicht etwas eingeschüchtert wirkt, aber dennoch relativ selbstbewusst und behauptet, jahrelang schrecklichen Misshandlungen ausgesetzt gewesen zu sein - stellt man sich so ein Entführungsopfer vor?
Kurze Zeit später verschwand sie aus der Öffentlichkeit und Natascha Kampusch geriet in Vergessenheit, bis im letzten Jahr ihre Biographie erschien und meine Neugier wieder weckte.

In zehn Kapiteln berichtet sie über ihre Kindheit, die von einem Tag auf den anderen keine mehr war. Sie schreibt über die verschiedenen psychischen Phasen, die sie durchlebte, Angst, Panik, Wut, die Gewissheit, nie wieder die Freiheit zu erlangen und Verständnis gegenüber dem Täter, die Beziehung zu Wolfgang Priklopil und seine zwei Gesichter.

Zunächst erhalten wir einen Einblick in Natascha Kampuschs Kindheit, die sie prägte. Sie war ein glückliches Kind, das ihre Eltern liebte und gerne Zeit bei der Oma verbrachte, doch mit der Trennung von Mutter und Vater geriet sie zwischen die Fronten. Die Mutter ließ ihre Wut an dem Mädchen aus, immer wieder kam es zu Streit. Damals galt das kleine, pummelige Kind als Außenseiterin und sie fühlte sich ständig ungeliebt. Sie fasste den Entschluss etwas zu ändern, so kann es nicht ihr ganzes Leben lang weitergehen, mit 18 will sie endlich frei und selbstständig sein und der erste Schritt in die Freiheit war, den Weg zur Schule alleine zu meistern. Am Abend zuvor gab es wieder Streit mit der Mutter und so verließ Natascha am nächsten Morgen, sich noch immer ärgernd, ohne Gruß die Wohnung - und ahnt nicht, dass dies der letzte Tag ihres alten Lebens sein wird.
Eigentlich war Natascha der Meinung, nicht in das Beuteschema eines Entführers zu passen, dass dies auch nur weit weg stattfindet, doch darin hat sie sich bitter getäuscht. Für die nächsten acht Jahre, findet ihr Leben hauptsächlich in einem winzigen Kellerverlies statt, besser abgesichert wie ein Hochsicherheitsgefängnis. Ihr Entführer, Wolfgang Priklopil, hatte es sich in seinen kranken Kopf gesetzt, einen Menschen nach seinen Vorstellungen zu formen. Dazu waren ihm jegliche Foltermethoden recht: der Entzug von Sonnenlicht und Essen, psychischer Terror und später körperliche Gewalt um Nataschas Willen zu brechen, sie gefügig zu machen, die komplette Kontrolle über ihr Leben zu haben. All das berichtet die junge Frau in ihrem Buch, aber auch von den kleinen Glücksmomenten, die sie erlebte. Lange hoffte sie auf Rettung, doch es kam niemand und so griff sie nach jedem Strohhalm, der sich ihr bot. Der Täter versuchte ihr nämlich das Leben, das sie ab jetzt für immer bei ihm führen sollte, so angenehm wie möglich zu gestalten. Er spielte mit ihr, versorgte sie mit Essen und Trinken und erfüllte ihr kleine Wünsche, die den Zeitvertreib erleichterten. Doch die psychischen Qualen blieben und wurden mit der Zeit immer schlimmer. Ein Kampf um das tägliche Überleben begann. Der ganze Tagesablauf, alle Handlungen wurden von Priklopil vorgeschrieben, sogar, wann und wie viel es zu essen gab. Mit sechzehn brachte er Natascha an den Rand des Hungertods. Bei Renovierungsarbeiten im Haus des Täters, sie durfte mittlerweile das Verlies für gewisse Zeit verlassen, begannen die körperlichen Misshandlungen. Wegen Nichtigkeiten, einfach, weil Priklopil etwas gegen den Strich ging, schlug er auf das Mädchen immer und immer wieder ein. Man mag sich die Blutergüsse und Verletzungen am ausgemergelten Körper gar nicht vorstellen.
Mit vierzehn Jahren unternahm sie den ersten Selbstmordversuch und verletzte sich öfters selbst. Der körperliche Schmerz war erträglicher, als die seelischen Qualen, die Natascha erlebte. Doch neben all den psychischen und physischen Schmerzen, war der Drang nach Überleben, nach Freiheit immer da. Sie entwickelte ein zweites, starkes Ich, das ihr Mut zusprach und half, nicht zu verzweifeln. Außerdem hat sie nicht vergessen, was sie sich noch vor der Entführung geschworen hat und sie hielt ihr Versprechen, indem sie sich mit achtzehn Jahren, 3096 Tage nach ihrer Entführung, selbst befreite.

Das Buch beinhaltet neben Nataschas Lebensgeschichte, eine Fahrt in die Abgründe der Psyche. Wie krank muss Priklopil gewesen sein um ihn zu solchen Taten zu verleiten. Nachdem er seine Launen an dem Mädchen ausgelassen hatte, versuchte er sein Gewissen zu bereinigen, indem er sie mit Gummibärchen und Eis beschenkte. Er sehnte sich nach körperlicher Nähe, weshalb er Natascha nachts in seinem Bett an sich fesselte. Ob er sie dabei auch vergewaltigte, verschweigt sie, da sie sich einen Rest Privatsphäre behalten möchte, was durchaus verständlich ist. Priklopil fühlte sich ungeliebt, wie damals das Mädchen selbst und brauchte einen Menschen, den er dazu formen konnte. Nebenbei versuchte er seine Zwänge (Angst vor Schmutz, Brechen der Regeln) auf sie zu übertragen.

Am schlimmsten waren für Natascha die Hungerzeiten. Was hätte sie nicht für ein kleines Stückchen Brot gegeben. Ihre einzige Bezugsperson war während der acht Jahre lediglich ihr Entführer, sie war von ihm abhängig und er von ihr. Er bestimmte über Leben und Tod. Der jungen Frau gelang es, Verständnis für den Täter aufzubringen und verzieh ihm sogar seine Taten. Hätte sie den Hass zugelassen, wäre sie wahrscheinlich daran zugrunde gegangen.

Beeindruckend ist vor allem, wie sich Nataschas Psyche entwickelte, welche Schutzmechanismen der Körper in Extremsituationen aufbaut und wie viel ein Mensch dann an Qualen aushalten kann. Die Gefühlswelt schottete sich vom Körper ab. Einerseits war dies durchaus interessant zu lesen, andererseits einfach nur schrecklich. Stellenweise könnte man meinen, man hielte ein Fachbuch in den Händen, doch die Vorstellung, dass all dies ein Mensch, ein Kind über Jahre ertragen musste, ist als Leser kaum zu ertragen. Besonders in den zwei vorletzten Kapiteln, als sie in Tagebucheinträgen die körperlichen Übergriffe beschreibt, war ich kurz davor das Buch wegzulegen!

Doch wie gelang es Natascha aus ihrem Gefängnis auszubrechen? Eigentlich hatte sie sich schon fast mit ihrem Schicksal abgefunden und hatte Angst vor der Freiheit. Priklopil nahm sie sogar zum Einkaufen mit und auf einen Skiausflug, allerdings immer unter der Androhung, sie und Zeugen zu töten, wenn sie flüchten will oder andere Menschen anspricht. Mehrmals bot sich eine Fluchtmöglichkeit, doch das innere Gefängnis bestand und sie hatte Angst vor dem Leben, das sich außerhalb der Mauern befindet. Am Nachmittag des 23. August 2006, als sie mit Priklopil am Auto arbeitete und er sich kurz für ein Telefonat entfernte, nahm sie aber allen Mut zusammen und flüchtete. Der Täter, der sonst immer alles sorgfältig abschloss, war nachlässig geworden und so entkam Natascha durch das Gartentor. Eine Frau, an deren Haustür sie klingelte, rief die Polizei. Man hielt sie zuerst für eine Hochstaplerin, doch bald mussten die Beamten erkennen, dass es sich tatsächlich um die vor acht Jahren entführte Natascha Kampusch handelt. Nach der Nachricht von Wolfgang Priklopils Tod scheint der Weg in die Freiheit endgültig geebnet, doch nun gerät die Frau ins Bedrängnis von Polizei und Medien.

Die Polizei kam mit der Tatsache nicht zurecht, dass sich Natascha selbst befreite und sie fatale Ermittlungsfehler begingen. Zeugenaussagen, die eindeutig auf Priklopil hinwiesen, wurde nicht nachgegangen. Die Polizisten untersuchten sogar den Täter, kurz nach Nataschas Verschwinden, doch es gab keine Anzeichen für ihn als Entführer, da er nach außen mehr als normal wirkte. Man wollte das Missgeschick vertuschen. Zwischenzeitlich wurde Natascha sogar beschuldigt, Komplizen von Priklopil zu decken, obwohl es sich doch um einen Einzeltäter handelte. Auch die Medien interpretierten immer mehr in den Entführungsfall hinein, weshalb sich Natascha zurück zog und nur ausgewählten Sendern und Zeitungen Interviews gab. Mit ihrem Buch will sie, jetzt nach Aufarbeitung der Erlebnisse, Unwahrheiten endlich aus der Welt schaffen und berichtet offen und schonungslos über ihre Entführung. Sie will nicht als Opfer bezeichnet werden, sie hat es nämlich aus eigener Kraft geschafft ihrem Peiniger zu entkommen, der ihren Willen nie gebrochen hat!

"3096 Tage" geht unter die Haut! Der Leser wird völlig in die Geschichte hineingezogen, man meint, die Enge im Verlies und die Misshandlungen selbst zu spüren und trotzdem weiß man, dass es sich nicht einmal ansatzweise um die Gefühle handelt, die Natascha Kampusch selbst erlebte. Es ist unglaublich mit wie viel Stärke sie der Verzweiflung, der Angst vor dem Tod und vor der Freiheit und letztendlich ihrem Entführer entkam! Davor ziehe ich meinen Hut! Ich bin froh, das Buch gelesen zu haben, auch wenn es manchmal nicht angenehm war. Endlich verstehe ich, wie sie solch eine Stärke und Selbstbewusstsein erlangte und die Hintergründe und Umstände der Entführung.

4 Sterne



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(Cicero)
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Kampusch, Natascha: 3096 Tage
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